Portrait von Ulla Enger

im c/o Magazin 01/2026

Ein zentrales Element der künstlerischen Praxis von Ulla Enger ist die Verarbeitung von Fundstücken, aus denen sie mit großer Liebe zum Detail und Sinn für Zweckentfremdung Neues erschafft. Seit 2015 arbeitet die Bildhauerin verstärkt mit Textilien. Zunächst entstanden Wandarbeiten, die sie durch das Drapieren und Spannen von Stoffen auf Rahmen gestaltet. Dabei bilden sich Strukturen und Formen, die zwischen geometrisch-abstrakten und organischen Mustern oszillieren. Manchmal sind die Spuren des ursprünglichen Materials erahnbar — etwa durch sichtbare Knopfleisten — manchmal bleibt die Vorgeschichte des Textils verborgen. Es dauerte nicht lange, bis sie anderes Trägermedium für ihre textile Arbeit suchte — und fand: Bücher. Ob Romane, Kinderbücher, Reiseführer, Lexika, Lehrbücher über Sprachen oder Mathematik, internationale Literatur, Sach- und Geschichtsbücher, Bildbände, Notenbücher, Bücher über Märchen, Sagen und Mythologie oder die Bibel — Ulla Enger bearbeitet das gesamte Spektrum an gebundenem Papier. Anfangs wurden die Bücher von ihr vollständig mit Stoff „bekleidet“, so bezeichnet es die Künstlerin selbst. Nach der Fertigstellung war der Inhalt eines Buches dadurch nicht mehr erkennbar. Doch dann begann sie, die Schriften, Illustrationen und Einbände als Impulse in ihre Arbeit und die Gestaltung einfließen zu lassen. Wie durch „Fügung“ entstehen so Verbindungen zwischen Buch und Textil. Im künstlerischen Prozess zerstört sie die Bücher — ein Großteil der Seiten wird entfernt, der Buchdeckel wird perforiert, um benäht zu werden. Mindestens acht Arbeitstage benötigt Enger, um aus einem zuvor lesbaren Band ein Kunstobjekt zu erschaffen. Es ist ein transformativer Prozess, der den Büchern eine neue Daseinsberechtigung verleiht. Dieses neu geschenkte Leben bewahrt die Publikationen davor, irgendwann als veraltetes oder kaputtes Exemplar entsorgt zu werden — Bewahrung durch Zerstörung.

Durch das Knirschen des Materials und das Blättern der Seiten sind die Werke von Ulla Enger auf eine besondere Weise haptisch und ästhetisch
erfahrbar. Die Nähte, Kordeln und Fäden zeugen jedoch nicht nur von Verletzung, sondern auch von der Heilung, die die Bücher nach der Zerstörung durch die Künstlerin erfahren. Die Herkunft und Geschichte ihrer Arbeitsmaterialien spielen dabei eine wichtige Rolle für die Künstlerin. Immer häufiger kommt es vor, dass Freund*innen und Bekannte ihr alte Kleidungsstücke und Bücher anvertrauen. Oft handelt es sich um Stücke mit persönlicher Bedeutung. So kommt es dazu, dass Ulla Engers Buchobjekte Geschichten oder Erinnerungen erzählen und von Begegnungen oder Freundschaften zeugen. Besonders intim, sind die handschriftlichen Notizen, Anmerkungen und Widmungen, die viele der Bücher in sich tragen und die die Künstlerin oft gestalterisch hervorhebt. Durch ihre Eingriffe gelingt es ihr, die Geschichten, die in den Texten ruhen, umzudeuten. Sie entscheidet welche Passagen, Seiten, Abbildungen, Titel oder Schlagworte nach dem künstlerischen Prozess wahrnehmbar sind und welche nicht. So hat sie für ihr Bibelprojekt bewusst Kapitel mit Geschichten ausgewählt, die von Frauen handeln. In ihrer umfangreichen Bibliothek aus Buchobjekten manifestiert sich nicht nur eine persönliche Lebensgeschichte, sondern auch eine kunstvolle Weberei von Materialien, Geschichten und Erinnerungen, die Ulla Enger selbst als „roten Faden“ durchzieht und verbindet.

Sarah Cüppers