Portrait von Metin Çelik
im c/o Magazin 02/2026
Durch den Flur des Atelierhauses zieht sich ein roter Schleier. Wie eine Spur führt der Staub aus winzigen roten Partikeln zum Atelier von Metin Çelik. Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass der Staub auf dem Fußboden aus winzigen roten Partikeln besteht. Dort angekommen, versteht man den Ursprung der auffälligen Farbe: Es handelt sich um Reste, die beim Anspitzen roter Buntstifte anfallen. An der Wand erstreckt sich eine meterlange, monochrome Buntstiftzeichnung auf Papier, an der der Künstler derzeit arbeitet. Die Farbe setzt sich überall fest – nicht nur im Atelier, sondern auch unter den Schuhsohlen von Çelik und seinen Besucher*innen. Das Rot findet so seinen Weg in die Außenwelt und weiter in das Zuhause des Künstlers.
Jeden Tag von 9 bis 18 Uhr arbeitet Metin Çelik im Atelier an neuen Werken. Zu Studienzeiten arbeitete er oft bis spät in die Nacht. Heute hat neben der Kunst auch die gemeinsame Zeit mit seiner Familie eine hohe Priorität.
Çelik arbeitet nicht nur auf Papier, sondern auch mit Öl auf Leinwand. Die Intensität und Leuchtkraft der Farben seiner feinmalerischen Werke springen sofort ins Auge. In seinen Bildwelten erhöht er die „Sättigung des Lebens“, wie er es selbst beschreibt. Trotz der äußerst naturalistischen Malweise wirken seine Bilder durch den intensiven Farbeinsatz der Realität entrückt.
Der Künstler spielt auf motivischer Ebene mit Momenten der Irritation, indem er surreale Welten mit theatralisch inszenierten Figuren erschafft. Fantastische Wesen und Objekte werden wie Requisiten szenisch arrangiert. Diese malerischen Kompositionen faszinieren und werfen zugleich Fragen auf: In welcher Beziehung stehen die einzelnen Bildelemente zueinander? Welche Geschichte spielt sich hier ab? In welchem Kontext sind die Szenen zu verorten?
Auf diese Weise überträgt Çelik mit seinen Arbeiten den Verfremdungseffekt aus der Theatertheorie von Bertolt Brecht auf die zweidimensionale Leinwand. Durch die Realitätsbrüche in seinen Werken entsteht eine spürbare Distanz zwischen Bild und Rezipient*in, die eine intensive und kritische Auseinandersetzung mit dem Bildgegenstand anregt.
Dass sein künstlerischer Arbeitsprozess stark von philosophischen, literarischen und kunsthistorischen Einflüssen geprägt ist, liegt auch daran, dass er als Kunststudent in Istanbul enge Freundschaften in der Theater-, Film- und Musikszene pflegte. Seinen breiten Bildungshintergrund bezeichnet Çelik heute als stabiles Fundament und ständige Inspirationsquelle, die für seine Arbeit als Künstler unverzichtbar ist.
Sein umfassendes Wissen über Dramaturgie, Komposition, Farbenlehre und Symbolik bietet ihm zahlreiche Anknüpfungspunkte, die er wie Fäden miteinander verwebt. Dies war entscheidend für die Entwicklung seiner künstlerischen Handschrift.
Eine Arbeit fertigzustellen erfordert von Metin Çelik neben ausgeprägten Fachkenntnissen vor allem viel Geduld und Disziplin – Fähigkeiten, die ihn schon seit Kindheitstagen auszeichnen. Als er als Schuljunge viel Aufmerksamkeit und Komplimente für seine Zeichnungen erhielt, entwickelte sich sein Wunsch, Kunst zu studieren und professioneller Künstler zu werden.
Auch wenn es im künstlerischen Schaffensprozess mitunter zu Krisen oder Konflikten zwischen ihm und seinen Bildern kommt, findet Çelik stets einen Weg der Versöhnung und ist dankbar, Tag für Tag an der Vollendung seines nächsten Werks in seinem Atelier arbeiten zu dürfen.
Sarah Cüppers



