Portrait von Eva Weinert
im c/o Magazin 03/2026
Eva Weinerts künstlerischer Weg ist eng mit den Orten verknüpft, die sie besetzt. Nach ihrem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf im Jahr 2001 führt sie ein Aushang am Schwarzen Brett nach Mönchengladbach: das Wasserturmstipendium. Im Rahmen ihres Stipendiums im „Haus am Wasserturm“ der NVV (heute NEW) beginnt sie eine intensive Auseinandersetzung mit der Geometrie des Kessels und dem Radius des historischen Turms. Weinert entwickelt eine Arbeit, die nicht den Turm selbst, sondern die Leere und den räumlichen Abstand thematisiert. Die gewaltige Krümmung des Wasserkessels nutzt sie als Maßstab für ihre erste groß angelegte Rauminstallation, die sie unter dem Titel „Bogengang“ realisiert. „Man kann durch die Abbildung der Krümmung, die sich durch alle vier Räume legt, einen völlig neuen Weg durch die Räumlichkeiten des Hauses erfahren“, erzählt Weinert. Indem sie die Geometrie des Kessels in das Haus am Wasserturm überträgt, entwickelt sie eine ganz eigene Form der räumlichen Aneignung. Die unsichtbaren Zwischenräume werden durch einfache Konstruktionen aus Latten und Wellpappe neu sichtbar und erfahrbar gemacht. Sie spürt Elemente auf, die das Wesen des Raumes ausmachen, experimentiert mit ihm und führt dessen Verhältnisse und ihre neu gewonnenen Erkenntnisse den Betrachter*innen vor Augen.
Charakteristisch für Eva Weinerts Arbeiten ist dabei die zeitliche Begrenzung: Sie existieren nur für den Moment der Erfahrung und sind stets zerlegbar und vergänglich. Für Weinert ist künstlerische Arbeit niemals ein bloßes Abbilden, sondern ein dreidimensionales „Hochziehen“ ihrer Beobachtungen und ein daraus resultierendes Übersetzen ihrer direkten räumlichen Realität. Es handelt sich dabei um eine Art visuelle Neuinterpretation von Grundrissen ihrer eigenen Wirklichkeit. Weinert löst architektonische Details aus ihrem ursprünglichen Kontext und überführt sie in ein freies Spiel von Formen und Strukturen. Sie untersucht die Ordnung der Dinge und stellt die Frage nach der realitätsbildenden Kraft von Systemen: „Mich hat immer interessiert: Wie fügen sich einzelne Teile zu einem Ganzen? Ist das intuitiv, eine Reaktion, oder ist es konstruktiv?“ Sie entwickelt eine eigene Formsprache, die das Zeichnerische ins Räumliche übersetzt und eine Art „Geometrie der Gemeinschaft“ bildet.
Ein Schlüsselmoment dabei ist das Ausstellungsprojekt „Blühende Landschaft – Prospering Landscape“ im Garten der NVV im Jahr 2007, aus dem ihre temporäre skulpturale Holzarbeit „Stern“ hervorgeht. Hier prallt die geometrische Strenge ihrer Arbeiten auf die Unvorhersehbarkeit des Sozialen. Weinert legte eine aus der Geometrie abgeleitete Gartenstruktur an, die an französische Barockgärten erinnert, überließ jedoch die eigentliche Bepflanzung den Mitarbeiter*innen der NVV sowie Besuchenden, die auch eigene Pflanzen mitbringen konnten. „Wenn die Gemeinschaft kommt und jeder etwas pflanzt, wird die gewollte Ordnung durch das Engagement des Einzelnen überlagert“, erzählt Weinert. „Es ist keine zentralistische Idee mehr, sondern eine gemeinschaftliche, kollektive Bepflanzung und Erfahrung.“ Weinert versteht einen Raum niemals als bloße Kulisse, sondern als ein Gegenüber, als eine Art Komplizen; ebenso sieht sie die Menschen, die diese Räume bespielen.
Aktuell beschäftigt sie sich mit einem Pendant zu den großen, raumgreifenden Installationen. Es geht ihr um Schichtungen, um Drucke, um das Verschwommene und die Frage, wie man Dinge im Fluss neu ordnet. Dieser theoretische wie praktische Fokus auf das Zweidimensionale ist kein Zufall, sondern erwächst aus ihrer langjährigen Erfahrung als Dozentin für Druckgrafik an der Universität Paderborn. Räumliche Beobachtungen werden nun im Medium der Zeichnung und Druckgrafik festgehalten. „Dieses Verschwommene interessiert mich sehr … es ist immer auch die Frage: Was beschäftigt einen selbst gerade körperlich?“ Die Kunst ist für Eva Weinert kein Hamsterrad mehr, sondern eine produktive Rückkehr zum Wesentlichen und zum eigenen, in diesem Moment körperlich zu bewältigenden Tempo.
Wie sehr das Leben und die Kunst bei ihr ineinanderfließen, illustriert eine Situation aus ihrem Atelieralltag: Während einer Heizungsstörung im Atelier hängt sie einige neue, filigrane Wandobjekte aus Stoff, Folie und Aluminium übergangsweise in ihrer Wohnung auf, um die Arbeiten vor der feuchten Kälte zu schützen. Was aus reiner Pragmatik beginnt, entpuppt sich bei einer Besprechung mit dem c/o-Team für eine geplante Ausstellung als eine intuitive Raumkomposition, die sofort überzeugt. „Es ist ein absoluter Zufall“, schmunzelt Weinert. „Sonst würden die Arbeiten heute so gar nicht im Rathaus hängen.“ Ihr Schaffen ist geprägt von einer Situationsoffenheit und einem Gespür für das, was das Leben, ein Raum oder andere Dinge unverhofft hervorbringen können. Diese Haltung wird in der aktuellen Ausstellung „Kunst im Rathaus 2026“ im historischen Rathaus Abtei verdeutlicht und verleiht ihrer Kunst eine eigene, unangestrengte Zeitlosigkeit.



